FAM-ily  

Financial and Actuarial Mathematics  
at Vienna University of Technology, Austria  

 
2006-08-30  Der Standard

Die mathematischen Geheimnisse des Kurssturzes

Aus 38 Doppler-Labors werden heuer 44

Die postindustrielle Trias Mathematik, Informatik und Elektronik ist nach wie vor unersetzlich. Aber sie kommt nicht notwendigerweise nur in Mikroelektronik, Computersprache, Signalübertragung und -verarbeitung oder Laserscanning zur Anwendung. Es können auch Geldanlage und Aktienspekulation sein, ein vordergründig "untechnischer" Bereich, der mehr dem Zufall als präziser Berechenbarkeit unterliegt.

Im heuer gegründeten CD-Labor "Portfolio Risk Management", das die Bank Austria Creditanstalt und die Österreichische Bundesfinanzierungsagentur am Institut für Wirtschaftsmathematik an der TU Wien eingerichtet haben, werden mathematische Methoden für den Finanz- und Risikomanagementbereich erforscht, insbesondere die Abhängigkeitsstrukturen und Portefeuille-Effekte.

Ob sich jähe Kursstürze je präzise werden voraussagen lassen können, ist mehr als ungewiss. Fix ist nur, dass das Finanzlabor eines von sechs Christian-Doppler-Labors ist, die heuer etabliert wurden.

Ob es sich um Werkstoffe und Materialwissenschaften handelt, Chemie, Elektronik oder Maschinen- und Instrumentenbau - die Zielsetzung der insgesamt 38 Labore ist immer die gleiche: ein Brückenschlag zwischen (universitärer oder außeruniversitärer) Grundlagenforschung und Anwendungsentwicklung in Unternehmen.

Den Anfang haben Metalle und Legierungen gemacht, als vor 18 Jahren in der "alten" Verstaatlichten die ersten CD-Labore etabliert wurden. Wichtige Industriepartner der unter der Schirmherrschaft der staatlichen Industrieholding ÖIAG fungierenden Zentren waren VA Stahl, VA Industriedustrieanlagenbau, Amag und Böhler Edelstahl.

Was sich unter der Schirmherrschaft der staatlichen Stahlindustrie bewährt hatte, musste nach ihrem Zerfall - die Austrian Industries wurden 1993 zerschlagen und privatisiert - organisatorisch und finanziell auf neue Beine gestellt werden. Organisatorisch gesehen ist die CD-Gesellschaft seit 1995 ein Verein, der mit Unis und Industriepartnern so genannte CD-Labore gründet. Aufsicht und finanzielle Dotierung obliegen dem Wirtschaftsministerium.

"Die Herausführung aus dem Stahlbereich und den Materialwissenschaften ist gelungen, wir sind auf gutem Weg, neue Forschungsbereiche zu etablieren", sagt Universitätsprofessor Reinhart Kögerler nicht ohne Stolz. Der thematische Bogen reicht heute von Mathematik, Informatik und Elektronik über Chemie, As-phalt und Holz bis hin zu Medizin und Life Sciences. Stärken will man den Bio- und Medizin-Bereich, etwa die Allergieforschung.

Anders als bei den ebenfalls auf eine enge Kooperation zwischen Grundlagenforschung und Industrie abgestellten Kompetenzzentren, sind die CD-Labore keine Jointventures, mit eigenständiger Rechtspersönlichkeit, sondern werden an Uni-Instituten etabliert.

Damit ist klar: Der Industriepartner muss konkreten Bedarf für Know-how aus der Grundlagenforschung haben und bereit sein, sich für sieben Jahre, also langfristig, zu binden, den Forschern mehr Freiräume einzuräumen als in der betrieblichen Forschung sonst üblich und seine Investitionen von unabhängigen Prüfern evaluieren zu lassen. Im Fall der CDG sind das jene renommierten, in- und ausländischen Gutachter, die auch die beim Wissenschaftsfonds FWF eingereichten Projekte überprüfen und zur Dotierung empfehlen.

Aber: Er muss nicht notwendigerweise ein Großkonzern sein. Der zur Salomon-Gruppe gehörende Ski- und Bindungshersteller Atomic etwa ist ein klassischer Mittelständler, der sich über das CD-Labor für "Biomechanik des Skilaufs" Zugang zu Wissenschaftsbereichen erschließen kann, die sonst nicht zugänglich wären, wie Michael Schineis, Geschäftsführer von Atomic Austria, ausführt. "Die enge Kooperation mit Grundlagenforschern hilft uns, Trends rechtzeitig zu erkennen und so die Technolgieführerschaft in einem heiß umkämpften Markt zu erhalten.

Neu ist, dass die CDG künftig bei der Evaluierung der neuen Kompetenzzentren (K2, K1, K-Projekte) mitarbeitet, deren erste Tranche am 1. Oktober ausgeschrieben wird. Neu ist auch, dass in ausgewählten Fällen auch teure Infrastrukturanschaffungen gefördert werden dürfen.

Infografik
(Luise Ungerboeck/DER STANDARD, Printausgabe, 30. August 2006)